.

Bizeps Interview

Die IVS Wien besteht aus Wiener Sozialeinrichtungen, die mit knapp 2.400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern rund 3.900 behinderte Menschen in Wien betreuen. (Assist GmbH, Auftakt GmbH, BALANCE, Bandgesellschaft, Caritas Wien, GIN, HABIT GmbH, Humanisierte Arbeitsplätze, ITA GmbH, KoMIT GmbH, Lebenshilfe Wien, LOK, ÖHTB, ÖVSE - SHT, Rainmans Home und die Sozialtherapeutische Lebens- und Arbeitsgemeinschaft).

Warum eigentlich?

Robert Mittermair, Vorstandssprecher der IVS Wien, informierte im BIZEPS-INFO Interview von Mitte Juli 2011 über die Hintergründe und Ziele der IVS Wien.

BIZEPS-INFO: Warum wurde die IVS Wien gegründet, wo doch diese Organisationen Mitglieder im "Dachverband Wiener Sozialeinrichtungen" sind?

Robert Mittermair (IVS Wien): Die Vertragspartner im Bereich der Behindertenhilfe sind 2006 geschlossen in den Dachverband der Wiener Sozialeinrichtungen aufgenommen worden. In den letzten fünf Jahren haben wir die Erfahrung gemacht, dass der Dachverband eine sinnvolle Koordinationsplattform zwischen den Trägerorganisationen, dem FSW und der Politik darstellt.

Der Dachverband kann allerdings nicht als politische Interessensvertretung für seine Mitglieder fungieren. Diese Funktion will in Zukunft die IVS Wien wahrnehmen. Die Mitglieder der IVS Wien werden sich also weiterhin in den Gremien des Dachverbandes einbringen und dort operative Themen zwischen dem FSW und den Trägerorganisationen in bewährter konstruktiver Form diskutieren und verhandeln.

Aufgabe der IVS Wien wird es sein, auf politischer Ebene den Dialog über die Weiterentwicklung der Angebote der Behindertenhilfe zu führen.

BIZEPS-INFO: Die IVS Wien stellt die berechtigte Frage "Ist das Angebot der Wiener Behindertenhilfe noch zeitgemäß?", um diese zu verneinen. Die IVS Wien will einen "offenen Dialog über die Weiterentwicklung der Angebote der Wiener Behindertenhilfe und neue Finanzierungsmodelle" starten. Was genau wollen Sie erreichen?

Robert Mittermair (IVS Wien): Das Angebot der Wiener Behindertenhilfe beruht auf Konzepten zur Gemeinwesenintegration der 70er und 80er Jahre. Diese in Skandinavien entwickelten Konzepte wurden als emanzipatorische Reaktion auf die von struktureller Gewalt geprägte "Heim- und Anstaltsphase" in der Nachkriegszeit entwickelt.

Sie ermöglichten einen gewaltigen Paradigmenwechsel: als Alternative zu entwürdigender und entrechtender Segregation und Hospitalisierung von Menschen mit kognitiven und psychischen Behinderungen wurden nun kleine gemeinwesenintegrierte Einheiten (Wohngemeinschaften mit 8-10 Bewohnern) entwickelt. Ein "normaler" Lebensalltag wurde postuliert und zwischen "Wohnen" und "Arbeiten" in Wohngemeinschaften und Beschäftigungstherapie unterschieden.

Natürlich war dies sehr oft auch eine "Simulation von Normalität" und von Rechten im Sinne der UN-Konvention war noch wenig die Rede - da setzt auch unsere heutige Kritik an.

Aber im Unterschied zu vielen Bundesländern wurden diese modernen gemeinwesenintegrierten Modelle in Wien konsequent für alle Betroffenen umgesetzt. Parallel entwickelte sich eine vielteilige Trägerlandschaft mit individuellen Angeboten, die unterschiedlichste Bedürfnisse abdecken.

Dieser "Markt" hat nicht nur Vielfalt geschaffen sondern auch die Bildung von Anbietermonopolen verhindert. Auch hier macht der Vergleich mit anderen Bundesländern sicher: Österreichweit leben heute noch 50 % aller institutionell untergebrachten Menschen mit kognitiven oder psychischen Behinderungen in Heimen mit über 50 BewohnerInnen.

Nach wie vor gibt es (Anm.: in der Steiermark) eine Großeinrichtung die als Sonderkrankenanstalt 600 (!) Menschen mit Behinderung "beherbergt". Und sogar im sonst vielgelobten Inklusions-Vorzeigeland Vorarlberg leben Menschen mit basalem Unterstützungsbedarf zumeist noch im "Lebensraum" Pflegeheim!

Wien gehört deshalb bei der Umsetzung des Konzepts Gemeinwesenintegration bis heute zu den Vorreitern. Dennoch braucht es unserer Meinung nach im Zeichen der UN-Konvention deutlich mehr als eine gute "Simulation von Normalität".

BIZEPS-INFO: Was konkret fordern Sie?

Robert Mittermair (IVS Wien): Unsere Forderungen richten sich an Politik und Verwaltung und betreffen die UN-konventionskonforme Weiterentwicklung des Wiener Modells.

Wir fordern:

Drei Jahre nach Ratifizierung hat die Stadt Wien noch immer kein Konzept zur Umsetzung der UN-Konvention. Wir fordern die Entwicklung einer Strategie zur Umsetzung der UN-Konvention unter Teilnahme aller Betroffenen in Wien. Aus dieser Strategie muss ein konkreter Maßnahmenplan entwickelt werden. Für die Umsetzung müssen die notwendigen strukturellen und finanziellen Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Wir fordern echte Wahlfreiheit für Menschen mit Behinderung: Durch die starre Kontingentierung (die der finanziellen Deckelung dient) und die volle Auslastung der bestehenden Plätze wird die Wahlmöglichkeit zwischen unterschiedlichen Wohn- und Unterstützungsangeboten sehr eingeschränkt.
Eine Trennung von Wohn- und Betreuungskosten wäre ein möglicher Weg einer Weiterentwicklung des Wohnangebotes. Hierzu müssten konsequent Modelle einer intensiven aber ambulanten Betreuung auch für Menschen mit kognitiven und psychischen Beeinträchtigungen mit hohem Unterstützungsbedarf erarbeitet werden. Dies würde die Wahlmöglichkeiten der Betroffenen stärken und die strukturelle Macht der Anbieter sinnvoll einschränken.

Wir fordern besonders dringlich die rasche Schaffung inklusiver Alternativen zur traditionellen Beschäftigungstherapie, wie sie in anderen Bundesländern erfolgreich umgesetzt werden (z.B. im Spagat-Modell in Vorarlberg). Es ist völlig unverständlich, dass in Wien immer noch 4.000 Beschäftigungstherapieplätze betrieben werden, aber echte Arbeitsplatzintegration für Menschen mit intellektueller Behinderung in der Praxis fast nicht vorkommt.

Wir fordern eine offene Diskussion über alle Finanzierungsmodalitäten, wobei auch das Thema Persönliches Budget für Menschen mit intellektuellen und psychischen Behinderungen nicht ausgeklammert werden darf. In der Umsetzung muss hier unserer Meinung nach aber immer auch auf möglichen Missbrauch (nicht durch die Betroffenen!) geachtet werden.

BIZEPS-INFO: Als einige der Ziele der IVS Wien werden Inklusion und Selbstbestimmung sowie die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention genannt. Es gibt kritische Stimmen, die fragen: Sind nicht genau auch jene Organisationen mit ihren Aussonderungsmodellen schuld an der derzeitigen Situation?

Robert Mittermair (IVS Wien): Aus der Beantwortung der letzten Frage kann man, glaube ich, ableiten, dass wir kein Interesse an einer Einzementierung des Status Quo haben. Uns ist sehr wohl bewusst, dass die derzeitigen Unterstützungsangebote in vielen Belangen nicht allen individuellen Bedürfnissen jedes/r einzelnen NutzerIn/s gerecht werden können.

Nicht zuletzt, weil wir unsere Angebote hinterfragen und die Wünsche der NutzerInnen ernst nehmen, wollen wir mit Hilfe der IVS Wien eine Weiterentwicklung der Angebote vorantreiben.

Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass es auch in Zukunft Anbieter von professionellen Dienstleistungen brauchen wird (selbst in Schweden kaufen ja 60 - 70 % aller Betroffenen mit ihrem persönlichen Budget Unterstützungsleistungen bei institutionellen Anbietern ein).

Die spannende Frage ist, ob und wie es gelingt, Menschen mit Behinderung (und zwar auch solche mit schweren kognitiven und psychischen Beeinträchtigungen) tatsächlich in eine echte KundInnenrolle zu bringen.

Dafür sind politische Maßnahmen und grundlegende Änderungen in der Verwaltung notwendig, die sicher nicht alle in kurzer Zeit umsetzbar sind.

BIZEPS-INFO: Was planen Sie als nächste Schritte?

Robert Mittermair (IVS Wien): Die IVS Wien wird sich in den nächsten Wochen und Monaten mit allen relevanten Interessensgruppen (vor allem auch mit den Interessensvertretungen der Menschen mit Behinderung) in Verbindung setzen. Wir hoffen, dass es dabei gelingt, gemeinsame Strategien zu entwickeln und gängige Feindbilder etwas abzubauen.

BIZEPS-INFO: Wir danken für das Interview.

0 Kommentare